„Flüchtlingseuphorie“? Nein. Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit sind keine „Idealisierung des Fremden“.

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Die Deutschen”, schreibt Jan Fleischauer im Spiegel, idealisieren „die Flüchtlinge“ oder auch, wie es in der Überschrift seiner Kolumne heißt „das Fremde“.

Die Flüchtlingseuphorie nimmt bedenkliche Formen an“, heißt es da und auch: „Die Deutschen scheinen fest entschlossen, sich in der Flüchtlingskrise von ihrer besten Seite zu zeigen.“

Schlimm, diese Deutschen. Haben sich da offensichtlich etwas schlecht durchdacht in den Kopf gesetzt, wankelmütig wie sie sind:

Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, da haben die Deutschen noch hinter jedem Zauselbart einen Dschihadisten vermutet und unter jedem Kopftuch die dazugehörige Braut.“

Ich habe dazu ein paar Fragen:

Erstens, wer sind „die Deutschen“? Zweitens, wer sind „die Flüchtlinge“?

„Herzchirurgen“ werden unter Letzteren sein, meint Herr Fleischauer, aber vielleicht auch Sozialschmarotzer, Mörder und IS-Kämpfer. Mal abgesehen von der in der letzten Zeit so beliebt gewordenen Gefahrenrhetorik (Hilfe, der IS! Ah, die Terroristen! Oh mein Gott, die nationale Sicherheit ist in Gefahr!), die sich ja auch in der im voraufgehenden Absatz angedeuteten Islamisierung Deutschlands durchschlägt, hat Herr Fleischauer in einem Punkt Recht (aber nicht so, wie er denkt): man kann Menschen nicht über einen Kamm scheren. „Die Deutschen“ ebenso wenig wie „die Flüchtlinge“. Mitnichten steht eine homogene Masse „Deutsche“ (zu denen Herr Fleischauer als mutiger Aussprecher einer unbeliebten Meinung aber offenbar nicht gehört), die sich in einer „Willkommenskultur“ verrennen, gegenüber einer Masse „Flüchtlinge“, die – in den Augen „der Deutschen“ – „edle Wilde“ (autsch!) sind, “perfekt ausgebildet”, die Besten ihrer Unis, unter denen sich aber (so die Warnung der Umsichtigen) Mörder und IS-Leute befinden könnten.

Verstehe ich hier etwas grundlegend falsch oder bezichtigt Herr Fleischauer „die Deutschen“ (wer auch immer damit gemeint ist) einer Form des Orientialismus, des Rassismus durch Idealisierung (anstatt Demonisierung) des „Fremden“?

Ein bisschen von oben herab gesteht er ein, es sei

anrührend zu sehen, wie viele Menschen in Deutschland tatkräftig mithelfen, um den Flüchtlingen, die um Aufnahme bitten, einen freundlichen Empfang zu bereiten.“

Ja, es ist wirklich schön und erleichternd zu sehen, dass die Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen keine Fremdenfeinde sind. Aber, so scheint Herr Fleischauer anzudeuten, vielleicht schlummert das doch in uns, irgendwo. Wenn uns erstmal die Realität einholt, warnt er, dann ist Zapfenstreich mit der “Ressource Gutmütigkeit”. Dann kommt die „Ernüchterung“, dann verändert sich die Stimmung. Dann merken wir, dass nicht alle Flüchtlinge traumatisierte „Opfer“ sind. Bedauerlich finde ich diese Annahme, dass wir „Deutschen“ momentan schlicht über die Stränge schlagen mit unserer Gutmütigkeit, dass wir unsere Meinung genauso schnell ändern können, wie angeblich Klaus Klebers Busfahrer, der offenbar früher die AfD gut fand. Wenn wir nämlich merken, dass unsere Regierung zu sentimental wird.

Gleichzeitig sind wir aber selbst offenbar zu sentimental um zu erkennen, dass nicht jeder Flüchtling Herzchirurg sein kann. Oder dass man auch kritische, unbeliebte Stimmen zulassen sollte. Letzteres mag stimmen, aber leider ist Herr Fleischauer offenbar selbst wenig gewillt, diejenigen Stimmen (und es sind nicht wenige) ernst zu nehmen, die ihm nicht zustimmen würden (denn diese sind durch Sentimentalität, Rührung und Idealisierung offenbar im Augenblick nicht ganz zurechnungsfähig). Das schert nicht nur eine ganze Menge Menschen über einen Kamm, sondern bescheinigt ihnen auch, sie hätten nicht richtig nachgedacht und würden in ihrer idealisierenden Willkommenskultur ihren Realitätssinn verlieren.

Es ist bedenklich, wenn man von oben herab auf Menschen blickt, die sich in Deutschland für Flüchtlinge einsetzen und stark machen. Denn das ist Wasser auf die Mühlen derjenigen „Dumpfen und Schlichten“, die Randale machen und Flüchtlingsheime in Brand stecken. Solange das geschieht braucht es hörbare Stimmen – wie die der Initiative „Blogger für Flüchtlinge“ – die klarmachen, dass es Menschen gibt, die das nicht zulassen oder gutheißen wollen und dass – am Ende des Tages – in Deutschland doch die Menschlichkeit überwiegt. Das hat nichts mit Realitätsverlust oder Idealisierung des Fremden zu tun.

Positive Reaktionen in der Flüchtlingskrise helfen übrigens nicht nur in Deutschland. In Großbritannien beispielsweise wird Deutschland dieser Tage häufig als Beispiel dafür angebracht, dass es auch anders geht, als die – gelinde ausgedrückt – unangenehme Regierung David Camerons es behauptet. So kann eine „unsentimentale“ Regierung nämlich auch aussehen: Grenzen dicht machen und irgendwelche fadenscheinigen Langzeitziele vorschieben, damit man sich um das konkrete, direkt Problem nicht kümmern muss. Und dann aus der EU-Austreten. Zum Glück lassen selbst die sonst eher desinteressierten Briten doch nicht alles mit sich machen. Der Hashtag #refugeeswelcome trended während ich das hier schreibe auf Twitter an erster Stelle und im Politik-Liveblog des Guardian dreht sich alles um die Reaktionen auf Camerons Äußerungen einerseits und die schrecklichen Bilder eines toten Fünfjährigen, der an einem Strand nahe Bodrum angespült wurde, andererseits.

Ich gebe zu, es fällt mir schwer nachzuvollziehen, wieso Freundlichkeit und Großzügigkeit gegenüber anderen Menschen deren Idealisierung bedeutet oder wo genau es eine „Flüchtlingseuphorie“ gibt, die „bedenkliche Formen“ annimmt. Sicher gibt es Menschen in Deutschland, die nicht richtig nachdenken, aber das kann kein Grund sein, Hilfsbemühungen zu trivialisieren oder das „Fremde“ implizit zu dämonisieren. Dadurch trägt man nicht dazu bei, „das Flüchtlinge in der Mitte unserer Gesellschaft akzeptiert werden“. Und das ist deshalb ein Problem, weil Menschen Deutschland erreichen, die unbedingt auf Hilfe und Schutz angewiesen sind – und diese dann schlimmstenfalls eben nicht akzeptiert werden.

Ja, Realitätssinn ist wichtig in der Bewältigung dieser Krise (auch dahingehend, dass vermutlich der Anteil an Mördern, IS-Leuten und Sozialschmarotzern unter Flüchtlingen eher gering ist) und es stimmt, dass es möglich sein muss, eine differenzierte Diskussion zum Thema zu führen. „Die Medien“ sollten ihre Arbeit kritisch machen. Aber es wäre schön, wenn man eine Diskussion ohne implizite oder explizite Panikmache, das Schreckgespenst der Islamisierung oder ausgelutschte geisteswissenschaftliche Tropen führen könnte.

Und es ist wichtig, der in den vergangenen Monaten aufgekommenen Intoleranz und Feindseligkeit, Toleranz und Offenheit entgegen zu setzen. Das hat nichts mit Sentimentalität oder der Idealisierung des Fremden zu tun, sondern schlicht mit einer positiven Reaktion auf eine akute Krisensituation.

***

Mehr zur Aktion “Blogger für Flüchtlinge” und wie man sich beteiligen kann, findet man hier.

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